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5 häufige Fehler der Softwareunternehmen bei der Implementierung des AS9100-Standards

Die Zertifizierung nach AS9100, dem Standard, der die Anforderungen von ISO9000 in der Luft- und Raumfahrtindustrie spezifiziert, ist unter Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind, zur gängigen Praxis geworden. In meinem heutigen Beitrag möchte ich Ihnen meine Meinung zu den häufigsten Fehlern teilen, die solche Unternehmen bei der Umsetzung von AS9100 machen. Meine Aufstellung ist nicht abschließend, aber die Themen müssen unbedingt angesprochen werden, sofern ein Übergang zu AS9100/9115 in Erwägung gezogen wird.

1. Qualität liegt im Inneren, nicht außerhalb.

«Es gibt niemanden, der nicht mit Qualität zu tun hat».
W. Edwards Deming (William Edwards Deming).


Wie oft hört man: "Fasst unsere Entwickler nicht an. Sie haben schon genug Probleme bei der Produktentwicklung. Lasst uns eine Abteilung für Qualitätsmanagement einrichten, die sich mit Qualitätsfragen befasst...“ So etwas habe ich schon öfters gehört, und ich glaube, es ist einer der größten Fehler.

Man kann nicht einfach so eine neue Abteilung im Unternehmen einrichten und hoffen, dass alles reibungslos verläuft. Im besten Fall bekommen Sie ein Qualitätsmanagementsystem, dessen Ziel es ist nur, von einer zuständigen Behörde ein Zertifikat zu erhalten. Im schlimmsten Fall wird es eine Abteilung sein, deren Mitarbeiter den Sinn ihrer Arbeit nicht verstehen. Zudem werden Sie die Verschlechterung des inneren Firmenklimas und die Konfrontation zwischen der Entwicklungs- und der Qualitätsabteilung feststellen müssen. Wenn Sie wirklich das Qualitätsmanagementsystem in den Geschäftsprozess integrieren wollen, müssen Sie als erstes die Denkweise und die Unternehmenskultur ändern.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass der Reifegrad des Unternehmens es nicht erlaubt, bei seinen Mitarbeitern eine bewusste Einstellung zur Qualität zu entwickeln, sollten Sie sich nicht beeilen. Machen Sie die Schaffung eines für die Implementierung von AS9100 zuträglichen Umfelds zu einem strategischen Ziel, um das Sie sich bewusst bemühen werden. Unter Punkt 3 werde ich noch einmal auf diesen Punkt zurückkommen.

2. Genaue Definition der Bedeutung von Wörtern

Alles dreht sich um die Terminologie. Es sollte beachtet werden, dass ISO9000 und AS9100/9115 ein eigenes Glossar haben. Manchmal haben die Wörter in diesem Glossar eine andere Bedeutung als gewöhnlich. Man nehme zum Beispiel einen Begriff wie "Qualitätssicherung". Im Bereich der Software-Entwicklung ist es üblich, die Qualitätssicherung mit einer Reihe verschiedener Testmethoden gleichzusetzen. ISO9000 versteht den Begriff jedoch weiter gefasst - als alle geplanten und systematisierten Maßnahmen innerhalb eines Qualitätssystems, die nachweislich sicherstellen, dass ein Produkt oder eine Dienstleistung den Qualitätsanforderungen entspricht. Beispielsweise kann eine der Aufgaben der "Qualitätssicherung" in der Entwicklung eines wirksamen Plans zur Verringerung der Projektrisiken oder in der Sicherstellung einer klaren Darstellung der Anforderungen des Hauptkunden bestehen.

Ein klares Verstehen von Begriffen wie "Prozess", "Ziel bei der Qualitätssicherung", "kritisches Element", "Engagement des Managements" und so weiter ist eine notwendige Grundlage für weitere Entscheidungsfindung. Ferner sollten Sie diese Begrifflichkeiten an die tatsächlichen Praktiken im Kontext Ihrer Einrichtung anpassen. Ich konnte Fälle beobachten, wo eine Normanforderung einfach deshalb wieder eingeführt werden musste, weil sie mit anderen Worten im Text der Norm formuliert wurde, und nicht etwa auf die Art und Weise, wie sie innerhalb des Unternehmens üblicherweise genannt wurde. Es hat aber auch schlimmere Beispiele gegeben, indem eine falsche Methode, die für ein Produkt schädlich ist, nur deshalb eingeführt wurde, weil sie falsch interpretiert worden ist.

3. Beginnen Sie mit der Implementierung von AS9100 mit Management-Engagement und Qualitätszielsetzungen.

Ich möchte nochmals W. Edwards Deming zitieren:
«Was sollte das Ziel von Führungskräften sein? Worin besteht ihre Aufgabe? Das Management ist für die Qualitätssicherung verantwortlich. Die Quelle der Qualität liegt im Vorstandszimmer. Dort werden die wichtigen Entscheidungen getroffen».


Nicht selten wird ein Mitarbeiter zum Leiter der Qualitätsmanagementabteilung berufen und dann von ihm verlangt, die alleinige Verantwortung für die Planung der Qualitätssicherung, die Formulierung von Qualitätszielen, die Durchführung von Korrekturmaßnahmen usw. zu übernehmen, wobei erklärt wird, dass andere Abteilungsleiter wichtigere Dinge zu tun haben.
Ein solcher Zugang funktioniert hier nicht. Alle Aspekte des Qualitätsmanagements müssen ein wichtiger Faktor im Zusammenhang mit der Entscheidungsfindung des Managements sein. Um diesen Aspekt hervorzuheben, haben die Verfasser des Standards die Absicht, in späteren Fassungen des Dokuments den Begriff "Qualitätsmanagementsystem" durch "Geschäftsmanagementsystem" zu ersetzen.

Schaffen Sie eine Verbindung zwischen Qualitätsmanagement und Geschäftsstrategie. Dazu definieren Sie zunächst die Geschäftsziele. Ferner passen Sie Ihre Unternehmens- und Prozessstruktur an die neuen Ziele an. Danach spezifizieren Sie die Geschäftsziele unter Berücksichtigung der Prozessziele oder, wie AS9100 diese bezeichnet, "Prozessqualitätsziele". Vergessen Sie nicht, dass sich die Situation ständig ändert. Scheuen Sie sich nicht, Ihre Ergebnisse auszuwerten und Ihre Ziele neu zu formulieren. Stellen Sie fest, auf welcher Organisationsebene das Problem liegt; falls erforderlich, strukturieren Sie den Geschäftsprozess bis hinunter zur Geschäftsstrategie vollständig um. Dieser Zyklus ist der zentrale Mechanismus des zur Diskussion stehenden Standards.

4. Die Struktur des Qualitätsmanagements muss in erster Linie den Bedürfnissen des Unternehmens dienen

Einmal habe ich einen tollen Satz vom Prüfer der Zertifizierungsbehörde gehört:
«Ich stelle sofort fest, dass etwas nicht stimmt, wenn ich das Qualitätssicherungshandbuch des zu prüfenden Unternehmens aufschlage und sehe, dass seine Struktur zu 100% mit dem AS9100-Standard übereinstimmt».


Meist entwickelt sich die Situation wie folgt: Das Unternehmen geht von AS9100 aus und schreibt die vorhandenen methodologischen Dokumente so um, dass sie dem entsprechen, was in der Norm steht. Die Abweichungen werden dann analysiert und fehlende Verfahren werden ergänzt. Sodann versucht man, diese neuen Verfahren in den bestehenden Kontext einzuordnen. Leider nehmen einige ISO/AS-Berater den gleichen Weg. Die Vereinfachung der Arbeit eines Beraters oder Prüfers ist in gewisser Weise ein sehr schmerzhafter Weg für Entwickler. Sie müssen sich also nicht wundern, wenn Sie bei einer solchen Umsetzung von AS9100 auf einen riesigen Widerstand stoßen.

Eine schwierigere, aber auf lange Sicht effektivere Methode ist die Anpassung des Standards an die Betriebsabläufe Ihres Unternehmens, nicht umgekehrt. Wählen Sie die Prozessstruktur, die für Ihr Unternehmen am besten geeignet ist. Konzentrieren Sie sich auf den Geist des Gesetzes und nicht auf den Wortlaut. Sie sollten sich nicht scheuen, Abweichungen im Bereich des Qualitätsmanagements zu machen und dabei versuchen, wirklich wichtige Punkte nicht zu übersehen. Aus meiner Sicht sollte die Struktur der Verfahren, die den täglichen Betrieb des Unternehmens regeln, im Hinblick auf die Erreichung der Hauptziele seiner Geschäftstätigkeit günstig sein, und das Qualitätssicherungshandbuch sollte die Verknüpfungen einer solchen Struktur mit dem AS9100-Standard nachvollziehen. In den meisten Fällen wird die Einhaltung der Norm durch korrekte Auslegung der Regeln und nicht durch gedankenloses Kopieren des Wortlauts gewährleistet.

5. Vermeiden Sie übermäßige Genauigkeit oder Verallgemeinerung

Manchmal ist das Qualitätsmanagementsystem zu detailliert, manchmal ist es im Gegenteil zu allgemein formuliert. Ich konnte die negativen Folgen beider Ansätze beobachten. So versuchte ein Unternehmen beispielsweise, jede Teilphase des Entwicklungslebenszyklus als einen separaten Prozess zu betrachten. Dieser Ansatz brachte erhebliche Mehrkosten mit sich, da es notwendig war, Qualitätsziele zu setzen und die Leistung jedes einzelnen "Bausteins" in der Arbeit zu überwachen. Überdies waren die Ziele und Kennzahlen jeweils sehr detailliert, wodurch es schwierig war, sie auf einen "gemeinsamen Nenner" mit dem gesamten Geschäftsbedarf zu bringen. In einem anderen Unternehmen gab es einige Geschäftseinheiten, für die ein Versuch unternommen wurde, diese innerhalb eines einzigen Entwicklungsprozesses zu integrieren. Jede Geschäftseinheit hatte ihre eigenen Besonderheiten. Die verallgemeinerten Kriterien, die das Unternehmen zu implementieren versuchte, widerspiegelten nicht die Besonderheiten der Geschäftseinheiten. Natürlich war dieser Versuch zum Scheitern bestimmt.

Das Erfolgsrezept ist sehr einfach und gleicht Absatz 4. Passen Sie die Stufe der Verfahrensdetaillierung an Ihre Geschäftsziele und die entsprechende Unternehmensstruktur an. Sie sollten damit rechnen, nicht gleich beim ersten Mal ins Schwarze zu treffen. Fokussieren Sie sich auf das, was für Sie am wichtigsten ist. Wiederholen Sie den Zyklus und holen Sie sich Feedback aus der Wirklichkeit. Behalten Sie die Teile der Struktur, die sich als nützlich erwiesen haben, und verzichten Sie auf die Teile, die niemand liest. Bewerten Sie den Entscheidungsprozess auf der höchsten Unternehmensebene. Sollten Sie jedes Mal, wenn Sie eine Entscheidung treffen, einen Sonderbericht benötigen, so bedeutet dies, dass mit Ihrer Qualitätsmanagementstruktur etwas nicht stimmt.

Schlussfolgerung

Wenn man diesen Beitrag liest, könnte man sich vorstellen, dass die fünf Punkte, die ich aufgelistet habe, ziemlich offensichtlich sind. Seltsamerweise machen viele der Unternehmen, mit denen ich zu tun habe, mindestens einen dieser Fehler. Im schlimmsten Fall ergibt sich eine Situation, in der die Betriebsstruktur des Unternehmens und das Qualitätsmanagementsystem quasi voneinander getrennt sind.

Wenn Sie zu jedem der fünf Punkte mit Sicherheit sagen können: «Nein. Mein Unternehmen hat einen solchen Fehler nicht gemacht», - dann kann man Sie gratulieren zu der Tatsache, dass diese Unternehmen nicht sehr verbreitet sind.